Offener Brief an die Mitglieder Landessynode

Stuttgart, 18.11.2005

Sehr geehrte Damen und Herren,

am 2. Juli 2003 wandten wir uns im Rahmen des AkeV (Arbeitskreis evangelischer Vikarinnen und Vikare) mit einem Schreiben an zahlreiche Synodale. Darin machten wir darauf aufmerksam, dass Vikarinnen und Vikaren, die am Ende ihres Ausbildungsvikariats Elternzeit in Anspruch nehmen möchten die Ordination verweigert und die Elternzeit auf ein Jahr begrenzt wird. 

In der Herbstsynode 2003 war diese Problematik Inhalt einer förmlichen Anfrage und es wurde ein entsprechender Antrag eingereicht. Dieser Antrag wurde dann zur weiteren Beratung an den Rechtsausschuss (federführend) unter Beteiligung des Theologischen Ausschusses verwiesen. 

In der kommenden Landessynode steht diese Problematik wieder auf der Tagesordnung. Unter TOP 12 "Erziehungsurlaub und Aufnahme in den unständigen Dienst" soll ein Bericht des Rechtsausschusses und eine Aussprache erfolgen. (An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass der gemeinte Sachverhalt seit mehreren Jahren als "Elternzeit" zu bezeichnen ist. Der Begriff "Erziehungsurlaub" wurde von staatlicher Seite aufgrund seiner negativen Assoziation mit "Urlaub" abgeschafft. Dass die Kirchenleitung dies noch nicht übernommen hat, ist peinlich.) 

Der Oberkirchenrat hat allerdings im Vorfeld schon wieder neue Tatsachen geschaffen. In einem Schreiben vom 06.09.2005 werden alle Vikarinnen und Vikare der Ausbildungsregion Nordost darüber unterrichtet, dass sie der erste Jahrgang sein werden, bei dem die Ordination vom Ende des Ausbildungsvikariats auf den Anfang des unständigen Dienstes verschoben wird. 

Damit hat die von uns angestossene Diskussion das Gegenteil dessen erreicht, was wir beabsichtigt haben. Wir baten darum, alle Vikarinnen und Vikare am Ende ihres Ausbildungsvikariats zu ordinieren, unabhängig davon, ob sie Elternzeit in Anspruch nehmen möchten oder nicht. Nun hat der Oberkirchenrat beschlossen, niemanden mehr am Ende des Ausbildungsvikariats zu ordinieren. 

Darüber sind wir sehr enttäuscht und verärgert. Statt die Regelung hinsichtlich derer, die Elternzeit in Anspruch nehmen möchten, zu verbessern, werden nun alle schlechter gestellt. Das hat zahlreiche negative Konsequenzen:

  • Wenn die Ordination erst beim Antritt der ersten unständigen Stelle erfolgt, dann wird sie faktisch zu einer Investitur auf diese Stelle. Dies ist aber nicht der Sinn der Ordination. Die Ordination ist die allgemeine Berufung in den Pfarrdienst. Mit ihr wird öffentlich bestätigt, dass die betreffende Person zur Ausübung einer bestimmten Funktion innerhalb der Gemeinde als Leib Christi ermächtigt ist. Die spezielle Berufung in eine konkrete Gemeindepfarrstelle geschieht durch die Investitur. Beides sollte sauber getrennt werden, wie dies auch das Vorwort der Einführungsagende vorsieht (vgl. Kirchenbuch. Zweiter Teil. Sakramente und Amtshandlungen. Teilband: Einführungen. Stuttgart, 1985, S. 5ff.)

  • Die neue Praxis wird zu zahlreichen Problemen hinsichtlich des Ortes der Ordination führen. Wo beispielsweise sollen die Pfarrerinnen z.A. und Pfarrer z.A., die eine Sonderstelle antreten, ordiniert werden? Ihren Dienstaufträgen ist in der Regel keine Kirchengemeinde und schon gar kein Kirchengebäude zugeordnet. Sie müssten dann in einer ihnen völlig unbekannten Gemeinde ordiniert werden.

  • Die Ordination wird von vielen als Abschluss und Ziel der langen Ausbildung zur Pfarrerin bzw. zum Pfarrer empfunden. Ihr lebensgeschichtlicher Ort ist daher sinnvollerweise am Ende des Ausbildungsvikariats. An dieser Stelle macht es Sinn von der Kirche zugesprochen zu bekommen, dass man in dieses Amt berufen ist.

  • Wer aus familiären oder anderen Gründen nicht sofort eine Stelle antreten kann, wird nach der neuen Regelung weiter benachteiligt. Wer sich beispielsweise schwerpunktmäßig seinem Kind/seinen Kindern widmen möchte, fällt in einen nicht klar definierten Zwischenzustand. Er/Sie wird nach erfolgreich absolviertem Vikariat und dem Antrag auf Aufnahme in den unständigen Dienst als Pfarrer z.A. bzw. Pfarrerin z.A. geführt aber nicht ordiniert. Dieser Zustand ist weder innerhalb der Kirche noch nach außen vermittelbar. Wer nach vielen Jahren Ausbildung mit hohem Engagement und manchem materiellen Verzicht nun endlich Pfarrer/in sein möchte und sich auch so versteht, wird von der Kirchenleitung ausgebremst.

  • Die neue Praxis, die die Ordination mit der ersten Stelle verbindet, steht im Widerspruch zu der gängigen Praxis unserer Landeskirche. Die Frage ob jemand Pfarrer/in ist oder nicht, hängt allein an der Ordination und nicht am aktuellen Dienstauftrag. Denn nur unter dieser Voraussetzung können sich pensionierte Pfarrerinnen und Pfarrer, Pfarrerinnen und Pfarrer im Universitätsdienst, im Evangelischen Stift, im Albrecht-Bengel-Haus, der Evangelischen Akademie Bad Boll, im Oberkirchenrat, im Wartestand etc. weiterhin Pfarrerin bzw. Pfarrer nennen. Zudem werden bereits ordinierten Pfarrerinnen und Pfarrern die Ordinationsrechte aufgrund von Elternzeit ja auch nicht entzogen.

Zwar kann sich der Oberkirchenrat darauf berufen, dass nach den rechtlichen Bestimmungen (Nr. 6 der "Ausführungsbestimmungen zur Einführungsordnung"; Rechtssammlung Nr. 401) die Ordination am Ende des Ausbildungsvikariats nur "in Ausnahmefällen" möglich ist. Diese Ausnahme ist aber seit vielen Jahren die Regel. Warum dies plötzlich geändert wird, ohne stichhaltige Argumente anzuführen und dies theologisch zu begründen, ist nicht nachvollziehbar.

Dem Oberkirchenrat scheint nicht klar zu sein, was solch ein Vorgehen bei den betroffenen zukünftigen Pfarrerinnen und Pfarrern unserer Landeskirche bewirkt. Der Nachwuchs ist der Schatz der Kirche und hat eine bessere Behandlung verdient. 

Weitere Auskünfte erteilen ihnen gerne

Pfr. z.A. Jens Schnabel
Althengstetter Str. 46
75391 Gechingen
Tel.: 07056-965719
e-mail: schnabel@dbg.de 

Pfr. z.A. Jochen Weller
Glattener Str. 6
72250 Freudenstadt
Tel.: 07441-3350
e-mail: sjh.weller@t-online.de 

Impressum:

Arbeitskreis evangelischer Vikarinnen und Vikare
Sabine Schmalzhaf
akev.wue@gmail.com